Wer Vinyl- oder Designboden kauft, begegnet früher oder später dieser Norm: EN 685 legt europaweit fest, für welche Nutzungsklassen ein elastischer Bodenbelag geeignet ist. Die Norm klassifiziert Bodenbeläge nach mechanischer Beanspruchung — getrennt nach Wohn- und Objektbereich — und gibt Herstellern wie Verarbeitern eine verbindliche Grundlage, ob ein Produkt für Schlafzimmer, Büro oder Krankenhaus taugt. Beim Vinylboden ist EN 685 heute der wichtigste Klassifizierungsmaßstab überhaupt.
Die Norm gilt für textile Bodenbeläge, elastische Beläge und Laminat, wurde aber in der Praxis vor allem durch Vinyl und LVT bekannt. Sie ersetzt ältere nationale Normen wie die DIN 18367 in dieser Funktion nicht vollständig, bildet aber die Hauptreferenz für Produktdatenblätter und Ausschreibungstexte.
Aufbau und Technik
EN 685 unterteilt Bodenbeläge in zwei Bereiche mit jeweils mehreren Nutzungsklassen. Jede Klasse kombiniert eine Bereichsziffer mit einer Intensitätsstufe: 2x für Wohnbereich, 3x für Objektbereich, 4x für Industriebereich. Die Zahl hinter dem Bereichskürzel steht für die Nutzungsintensität — 1 für gering, 2 für mittel, 3 für stark, teilweise auch 4 für sehr stark beanspruchte Flächen.
Die Klassifizierung basiert auf Prüfverfahren, die Rollstuhlbelastung, Punktlastverhalten, Verschleiß und Verformung messen. Ausschlaggebend für das Klassifizierungsergebnis sind unter anderem der Verlust beim Taber-Abrasionstest sowie die Resteindrucktiefe nach statischer Belastung. Der Vinylträger, die Nutzschichtdicke und die Oberflächenstruktur beeinflussen direkt, in welcher Klasse das Produkt landet.
Einsatz in der Praxis
Die sechs wichtigsten Klassen für Vinylboden im Überblick:
- Klasse 21: Wohnbereich, gering beansprucht — Schlafzimmer, Gästezimmer
- Klasse 22: Wohnbereich, mittel — Wohnzimmer, Kinderzimmer
- Klasse 23: Wohnbereich, stark — Küche, Flur, Eingangsbereich
- Klasse 31: Objektbereich, gering — kleine Büros, Hotelbereiche
- Klasse 32: Objektbereich, mittel — Klassenzimmer, Praxen
- Klasse 33: Objektbereich, stark — Einkaufszentren, Krankenhäuser, stark frequentierte Büroflächen
- Klasse 34: Objektbereich, sehr stark — Bahnhöfe, Flughäfen, öffentliche Gebäude mit Extrembelastung
Ein Produkt der Klasse 23 trägt im privaten Flur problemlos, versagt aber im Büro nach kurzer Zeit. Wer für ein Ladengeschäft plant, braucht mindestens Klasse 33, besser 34. Häufiger Fehler in der Praxis: Der Bauherr wählt nach Optik, nicht nach Klasse — und wundert sich nach zwei Jahren über Druckstellen und Oberflächenschäden.
Zahlen, Normen und Klassen
- Normbezeichnung: EN 685 (europäisch, harmonisiert)
- Wohnbereich: Klassen 21, 22, 23
- Objektbereich: Klassen 31, 32, 33, 34
- Industriebereich: Klassen 41, 42, 43 (für Vinyl selten relevant)
- Nutzschichtdicke bei Klasse 23: ab 0,3 mm, bei Klasse 33 ab 0,55 mm, bei Klasse 34 ab 0,7 mm
- Ergänzende Norm für Prüfverfahren: EN ISO 24343 (Resteindrucktiefe), EN ISO 5470 (Taber-Abrasion)
Typische Fehler
Viele Käufer verwechseln die Nutzungsklasse nach EN 685 mit der AC-Klasse des Laminats — das sind zwei verschiedene Systeme. Die AC-Klasse gilt nur für Laminat nach EN 13329, nicht für Vinyl. Für Vinylboden zählt ausschließlich EN 685, ergänzt durch Herstellerangaben zur Nutzschichtdicke.
Ein weiterer Irrtum: Klasse 32 oder 33 bedeutet nicht automatisch bessere Optik oder dickere Gesamtplatte. Die Klassifizierung betrifft allein die mechanische Gebrauchstauglichkeit. Ein dünner LVT mit 0,55 mm Nutzschicht kann Klasse 33 erreichen, obwohl er nur 2,5 mm Gesamtdicke hat.
Beim Kauf im Baumarkt steht häufig nur Klasse 23 auf der Packung — das reicht für die meisten Wohnräume. Wer jedoch eine Ferienwohnung oder ein Home-Office mit hohem Stuhlrollenanteil ausstattet, sollte auf Klasse 31 oder 32 hochgehen. Stühle mit Rollen erfordern ohnehin eine gesonderte Prüfung nach EN 425, die EN 685 nicht ersetzt, aber ergänzt.